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Google Trends und Insights for Search II: Nichts Neues aus Damaskus

Während “Google Trends” nur relativ grobe Abfragen zulässt, kann man mit “Google Insights for Search” schon einiges mehr anfangen. Insbesondere erlaubt das System das Setzen zusätzlicher Filter für die Suchanfragen, und es hat obendrein ein genaueres und feineres zeitliches Auflösungsvermögen. Wer von Trends auf Insights umsteigt, muss sich allerdings an einen anderen Index gewöhnen (warum ist mir persönlich bis heute nicht klar). Doch keine Sorge, das Grundprinzip bleibt gleich. Auch hier geht es um die relative Verteilung von Suchanfragen über die Zeit und einen Vergleich der relativen Häufigkeiten von Suchanfragen bei mehreren Suchwörtern.

Bevor wir uns um die Analyse und Interpretation einiger Beipsiele kümmern, werfen wir zunächst einmal einen Blick auf das Interface von Google Insights for Search:

Interface von  "Google Insights for Search" mit verschiedenen Suchfiltern
Abbildung 1: Das Interface der “Google Insights for Search” eine größere Ansicht erhalten Sie, wenn sie auf das Bild klicken.

Von links nach rechts finden wir…

  • …unter „Vergleichen mit“ eine Auswahl, mit deren Hilfe man angeben kann, ob man die Häufigkeit von Suchbegriffen weltweit oder in einer definierten Region untersuchen möchte (d.h. genau einer, nicht mehreren). Wählt man hier anstelle von Suchbegriffen „Standorten“, lässt sich das Suchverhalten an zwei Standorten für einen Suchbegriff analysieren (d.h. wiederum genau einen, nicht mehrere).
  • …unter „Suchbegriffe“ ein Eingabefeld für einen Suchbegriff, in dem sich die gängigen Operatoren der Google-Suche einsetzen lassen, also Anführungszeichen für die wörtliche String-Suche, „+Keyword“ für obligatorische zusätzliche Suchbegriffe, „-Keyword“ für eine Suche, die nur Treffer ohne das zusätzliche Keyword enthält usw. Mit einem Klick auf „+Suchbegriff hinzufügen“ kann man genau dies tun, und zwar genau 4 mal. Einfacher gesagt: es können maximal 5 Suchbegriffe miteinander verglichen werden.
  • …unter „Filter“ ein eigentlich weitgehend selbsterklärendes Interface zur Spezifikation von Suchbereichen, die von den Benutzern bei der Suche aktiviert waren (Web, Bilder, News und Produkte) Zeitperioden und Kategorien des Google-Katalogs. Während im ersten Fall klar ist, dass z.B. nach dem Eingeben eines Suchwortes die Suche auf „Bilder“ oder „Produkte“ eingeschränkt wurde, ist letzteres für mich so nicht eindeutig. Da die genaue Herkunft und Zusammensetzung dieser Daten auch nach einigen Recherchen nicht verstanden habe, und die Angabe einer Kategorie obendrein nicht selten zu Null-Treffer-Resultaten führt, gehe ich auf diesen Aspekt im folgenden nicht näher ein.

Vergleich von Suchwörtern

Eine vergleichende Analyse mehrerer Suchwörter ist mit Google Insight for Search in einem Schritt möglich, wobei für einen einzelnen Vergleich der Zeitraum und die Region konstant gehalten werden. Die folgende Grafik zeigt z.B. den Prozess der Ablösung des Buzzwords „Web 2.0“ durch das Buzzword „Social Media“ im Verlauf der letzten 7 Jahre weltweit.

Liniengrafik für social media und web 2.0

Abbildung 1: Verlauf des weltweiten Interesses für "web 2.0" vs. "social media" (zum Vergrößern bitte Grafik anklicken)

Was bedeuten die Zahlen?

Diese Frage stellt sich natürlich sofort, wenn man die Grafiken von Google Insight for Search sieht. Sie ähneln auf den ersten Blick dem Erscheinungsbild den Darstellungen von Google Trends zum Verwechseln, doch der Wertebereich ist anders aufgebaut. Der höchste Wert, den eine Kurve in Google Insight erreichen kann ist anscheinend 100…? So ist es. Der höchste in der abgefragten Zeitperiode gemessene Wert wird gleich 100 gesetzt, und alle anderen Werte werden dann an diesem relativiert. Da sich Google nicht die Mühe macht, den eigenen Indizes anständige Namen zu geben (eine sträfliche Unterlassung, wie ich finde), möchte ich den Search-Volume-Index von Google Insight for Search in Anlehnung an den vorigen Artikel einfach „SVI-2“-Wert nennen.

Die Formel für den SVI-2 Wert ähnelt nun der für den SVI-Wert (von Google Trends) auf den ersten Blick zum Verwechseln:

Formel 1: Formel zur Bestimmung des SVI-2 Werts für ein gegebenes Keyword an einem bestimmten Stichtag. (Erläuterungen im Text)

Eine Variante des Beispiels aus dem ersten Artikel mit „diät“ als Suchwort und dem 01. Mai als Stichtag verdeutlicht, wie der Index funktioniert. War der höchste gemessene Wert in der zu betrachtenden Untersuchungsperiode 500 Suchanfragen, und ist der beobachtete Wert am 01. Mai = 250, resultiert ein SVI-2 Wert von 50:

Formel 2: Berechnungsbeispiel für den SVI-2 Wert

Der SVI-2 Wert gibt also in Prozent an, wie häufig das Suchwort an einem Tag gesucht wurde, jeweils bezogen auf den Tag mit den meisten Anfragen.

  • SVI-2 = 10 bedeutet: An diesem Tag wurden 10% der am Tag mit maximalem Suchtraffic beobachteten Anfragen gezählt.
  • SVI-2 = 70: Es wurden im Vergleich mit dem Tag mit maximalem Suchtraffic 70% Suchanfragen gezählt.
  • usw.

Und damit ist natürlich auch zugleich klar, dass der SVI-2 Wert maximal einen Wert von 100 annehmen kann.

Die oberhalb der Grafik in Abbildung  1 unter „Gesamt“ eingeblendeten Werte geben an, welchen Mittelwert man für den SVI-2 Wert in der gegebenen Periode erhält. Wäre „Gesamt“ gleich 100, würden also an jedem Tag exakt gleich viele Suchanfragen gestellt, und die Kurve wäre gar keine Kurve, sondern eine Gerade. Anders gesagt: Je geringer der Wert für „Gesamt“ ausfällt, desto stärker schwanken die Werte während der untersuchten Periode – hierzu kommen noch Beispiele.

Anwendungsbeispiel: Vergleich zweier Markennamen

Stimmen die Umstände, ist so über Google Insight z.B. eine sehr einfache und ziemlich objektive Bestimmung der Popularität von Marken möglich. Dies zeigen die beiden folgenden Abbildungen, auf denen die relative Häufigkeit der Suchbegriffe „nike“ und „adidas“ in den USA und in Deutschland verglichen wurden:

Abbildung 2: Verlauf des SVI-2 Index für die Suchbegriffe „adidas“ und „nike“ von 2004 bis heute in den USA.

Abbildung 2: Verlauf des SVI-2 Index für die Suchbegriffe „adidas“ und „nike“ von 2004 bis heute in den USA. (Die Grafik ist durch Anklicken vergrößerbar.)

Abbildung 3: Verlauf des SVI-2 Index für die Suchbegriffe „adidas“ und „nike“ von 2004 bis heute in Deutschland. (Die Grafik ist durch Anklicken vergrößerbar)

  • Man erkennt sehr schön, dass sich das Interesse an den Marken Adidas und Nike in Deutschland etwa gleich verteilt, mit leichten Vorteilen für Adidas. Die Mittelwerte der SVI-2 Werte liegen relativ dicht zusammen, nämlich bei 62 für adidas und 53 für nike.
  • In den USA liegen die Verhältnisse umgekehrt: hier hat Nike sehr eindeutig die Nase vorn im Wettbewerb um die Suchanfragen. Die Mittelwerte liegen bei 75 (Nike) und 19 (Adidas).

Besonders interessant ist die Zeitperiode Mitte 2006. Damals wurde von Adidas eine gigantische Marketing-Kampagne zur Fußball-WM gestartet – nachzulesen z.B. in einem zeitgenössischen Beitrag der Deutschen Welle. Die Auswirkungen der Kampagne können wir in der Grafik für Deutschland (Abb. 3) sehr gut sehen: Die blaue Kurve zeigt einen deutlichen Ausschlag nach oben. Tatsächlich liegt Mitte 2006 der höchste jemals gemessene Wert für „adidas“. „Nike“ hat ebenfalls ein lokales Maximum in seiner Popularität Mitte 2006, Adidas ist jedoch der klare Gewinner. In den USA zeigt sich das öffentliche Interesse für die Marken im gleichen Zeitraum dagegen ziemlich unbeeindruckt – sicherlich kann man dies als Symptom des chronisch geringen Interesses der US Bevölkerung an Fußball werten.

Ein Benchmarking der Markenpopularität ist also durchaus möglich, allerdings: Ob sich solche Beobachtungen dann auch in Umsatz oder Marktanteile übersetzen lassen, ist aufgrund des SVI-2 Index natürlich nicht sagen. Aber man erkennt an dem Beispiel sehr schön, dass sich eine Beobachtung von SVI-2 Werten für Firmen lohnen könnte – umso mehr, wenn man berücksichtigt, dass die Daten kostenlos sind.

Beobachtung von Zeitverläufen

Google Insight ist besonders auf die Beobachtung von Zeitverläufen ausgelegt. Dies kann man leicht nachweisen, wenn man Begriffe eingibt, bei denen mit saisonalen Veränderungen im Interesse zu rechnen ist, z.B. „Ostern“ und „Weihnachten“. Auch einmalig auftretende Ereignisse lassen sich sehr gut sichtbar machen. Bei der folgenden Grafik handelt sich um die Häufigkeit des Begriffs „beaujolais“, gekoppelt mit den Jahreszahlen von 2007 bis 2010.

Abbildung 4: Häufigkeit des Begriffs „beaujolais“ mit zusätzlicher Jahreszahl von 2007 - 2011 (Die Grafik ist durch Anklicken vergrößerbar)

Es scheint, das Interesse für Beaujolais nimmt tendenziell zu…

Zu beachten ist, dass der Gesamt-SVI-2-Wert bei diesem Beispiel in allen Fällen sehr klein ist. Dies ist auch plausibel: es gibt nur ganz wenige hohe und andererseits sehr viele Werte, die nahe bei Null liegen. Dies führt in der Konsequenz zu einem niedrigen Durchschnitt. Drei Faustregeln für die Interpretation des „Gesamt“-SVI-2 kann man festhalten:

  • 1. Hohe Werte entstehen, wenn es nur geringe Schwankungen in den Werten gibt. Dann weichen die beobachteten Häufigkeiten an den einzelnen Tagen im Durchschnitt nur relativ wenig vom Maximum ab.
  • 2. Niedrige Werte entstehen bei starken Schwankungen, vor allem dann, wenn es nur einzelne Maxima und ansonsten sehr niedrige Werte gibt. Wenige Ausreißer nach oben können dann ein niedriges durchschnittliches Interesse nicht stark beeinflussen.
  • 3. Regel 1. und 2. gelten  nur, wenn einzelne Keywords abgefragt werden. Gibt man mehrere Suchwörter gleichzeitig ein, können niedrige Werte für den Gesamt-SVI-2-Wert auch anders entstehen, nämlich einfach dadurch, dass einer der Begriffe sehr viel seltener gesucht wird. Diesen Fall hatten wir beim Vergleich von Nike und Adidas in den USA  (s.o., Abbildung 2).

Gleichzeitige oder getrennte Betrachtung von Verläufen

Um die Funktion von Google Insight richtig anwenden und die Ergebnisse interpretieren zu können muss man wissen, dass es einen großen Unterschied macht, ob ein Wort alleine oder zusammen mit anderen eingegeben wird. Gibt man z.B. nacheinander drei unabhängige Abfragen für die Begriffe „Syrien“, Ägypten“ und „Tunesien“ ein und beschränkt die Suche auf Deutschland, erhält man die in der folgenden Abbdildung zusammengestellten Grafiken.

Abbildung 5: Interesse an den Ländern Syrien, Tunesien und Ägypten in Deutschland von November 2010 bis Juni 2011 in drei getrennten Abfragen (Die Abbildung ist durch Klicken vergrößerbar).

Man erkennt, dass es in Ägypten und Tunesien während der Höhepunkte der Demokratie-Bewegungen in diesen Ländern eindeutige Spitzen oder „Zacken“ im Interesse gibt, die danach wieder abflauen. In Syrien ist das Auf und Ab während der revolutionären Entwicklung dagegen deutlich gemäßigter. Dies manifestiert sich auch in den Durchschnittswerten für den SVI-2 Index, die (auf der Grafik nicht zu sehen). Sie liegen…

  • …für Syrien bei 40,
  • für Tunesien bei 27,
  • für Ägypten bei 23.

Dies spricht dafür, dass Syrien mit seiner repressiven Informationspolitik relativ gut verhindern konnte, dass die Vorgänge im eigenen Land Gegenstand des Interesses der deutschen Öffentlichkeit werden.

Wichtig ist, dass bei dieser Betrachtung jedes Keyword seine eigene Referenz ist, d.h. wir können keine Aussagen darüber machen, ob es Häufigkeitsunterschiede zwischen den Begriffen gibt. Die ist aber möglich, wenn wir die  Intensität und Verlauf des öffentlichen Interesses für alle drei Länder in einer gemeinsamen Abfrage vergleichen:

Abbildung 6: Verlauf des Interesses für Tunesien, Ägypten und Syrien bei vergleichender Abfrage in Google Insights for Search (Abbildung durch Klicken vergrößerbar).

Was können wir aus dem Ergebnis ableiten? Zunächst ist der Verlauf der Kurve und der durchschnittliche SVI-2-Wert für Ägypten identisch mit der Einzelabfrage in Abbildung 5. Ägypten liefert also den Bezugswert mit maximalem Traffic. Da Tunesien und Syrien nun ebenfalls an dem maximalen Such-Traffic für Ägypten relativiert werden, ist das Niveau der Linien für diese Länder plötzlich sehr viel niedriger als bei den Einzelabfragen. Das bedeutet inhaltlich, dass das Interesse für Ägypten (als politischem Schwergewicht im nahen Osten und zugleich wichtigem Reiseland) mit Abstand am größten ist. Ägypten stellt damit den 100%-Wert, an dem alle anderen Messwerte relativiert werden. Unter dieser Voraussetzung ist die tunesische Revolutions-Zacke noch einigermaßen erkennbar, für Syrien scheint die Kurve aber kaum noch sichtbar auszuschlagen. Dies ist natürlich einerseits eine Folge der Maßstabsveränderung, die durch den Vergleich mit dem Maximalwert für Ägypten entsteht (ein Phänomen das man beim Interpretieren unbedingt kennen muss). Andererseits spiegeln die Verhältnisse aber durchaus wieder, wie sich das Interesse der Öffentlichkeit über die Zeit hinweg entwickelt und verteilt. Syrien ist – verglichen mit Ägypten – eben „kein Thema“. Das Regime in Damaskus verhindert also einigermaßen erfolgreich, dass sich die syrische Revolutionsbewegung  eindringlich im Bewußtsein der Deutschen zu verankert.

Exkurs: Die Mehrdeutigkeit von KPIs

Die Häufigkeit, mit der ein Begriff gesucht wird, ist auf den ersten Blick ein guter Key-Performance-Idikator oder “KPI” für die Popularität eines Begriffs. Ob Populariät nun auch wünschenswert (also unter allen Umständen zu maximieren) ist, hängt wiederum von den Umständen ab. In vielen Fällen wird man z.B. für Markennamen wünschen, dass sie möglichst weit verbreitet sind. Setzt man voraus, dass die Eingabe eines Markennamens ein Indikator für „Interest“ (um den von Google selbst bezeichneten Begriff zu verwenden) ist, wäre ein hoher SVI-2 Index also wünschenswert.

Gänzlich anders verhält es sich jedoch, wenn die Popularität durch eine Negativmeldung verursacht wird. Ein Beispiel hierfür ist der  Fall ist der des Fahrradschloss-Herstellers „Kryptonite“ dem im Jahr 2004 ein arger Fehler unterlaufen war. Die martialischen „Evolution 2000“ Stahl-Bügelschlösser konnten nämlich mit Hilfe der Hülle einer simplen Kugelschreiberhülle geknackt werden – ein Sachverhalt, der sich auf Youtube rasch herumsprach. Binnen kurzer Zeit kursierten einschlägige Videos von Kunden, die sich mit dem Knacken von Kryptonite-Schlössern munter die Zeit vertrieben. Und diese führten jedem potentiellen Kunden klar vor Augen, was ein Fahrraddieb wohl mit dem geliebten Zweirad machen würde, käme man auf die Idee, es mit einem „Evolution 2000“ von Kryptonite zu sichern. Die Popularitätskurve der Kryptonite Fahrradschlösser während dieser Zeit zeigt die folgende Abbildung:

Abbildung 7: Die Popularität des Suchbegriffs „kryptonite locks“ in den USA um den September/Oktober 2004 (Abbildung durch Anklicken vergrößerbar).

Man erkennt sehr schön, wie sich das, was unter dem Begriff „Lock Picking Fiasko“ bekannt wurde, in der Popularität des Suchbegriffs „Kryptonite Locks“ abbildet.

Die Kryptonite-Geschichte u.a. deshalb so oft und gerne als Beispiel für negative Publicity durch das Web zitiert, weil Kryptonite in einem PR-Reflex zunächst einfach abgestritten hatte, dass es mit seinen Produkten irgendwelche Probleme gebe… Die daraufhin durchs Social Web schwappende Welle der Empörung machte dann sogar die New York Times auf die Affäre aufmerksam – und führte so zu dem in der Abbildung oben zu sehenden, wahrhaft durchschlagenden Popularitätsgewinn. Angesichts der 10 Millionen Dollar Verlust, die das Unternehmen in diesem Zusammenhang gemacht hat, wäre es hier allerdings eher ironisch, von hoher Popularität als “Indikator für Erfolg” zu sprechen. Trivial? Zugegeben. Wenn man es einmal weiß, ist vieles trivial. Andererseits können wir sicher sein: Der unbedarfte Betrachter neigt bei Variablen wie Visits, Page Impressions, Mentions in Sozialen Netzwerken, der Anzahl von Kommentaren oder der durchschnittlichen Betrachtungsdauer einer Seite usw. sehr leicht dazu, sie allesamt ziemlich einfach und eindimensional zu interpretieren: Viel hilft viel! Gut sind demnach viele PIs, viele Besucher und eine lange Betrachtungsdauer… Aber nein! Das stimmt eben nicht! Es kommt ganz klar darauf an, was da aus welchen Motiven und in welchen Situationen abgerufen, betrachtet, gelesen und bedient wird.

  • Wird eine Seite nur kurz betrachtet, kann das bei einer mehrschrittigen Web-Anwendung ein gutes Zeichen sein: Die User verstehen, was sie tun sollen: Er oder sie füllt aus, Klick – und weg. Hier gilt: je kürzer, desto besser.
  • Auf einem Corporate Blog ist das Umgekehrte, nämlich eine lange Betrachtungszeit als positiv zu werten. Der/die Besucher/innen lesen den Text wirklich? Gut. Das kostet Zeit und treibt die durchschnittliche Betrachtungsdauer nach oben.

Auch für DIE Erfolgswährung im Web, die Seitenaufrufe, finden sich analoge Beispiele:

  • Wird eine Produktseite häufig aufgerufen, kann dies andererseits mit ziemlicher Sicherheit als Interesse am Produkt, also positiv gewertet werden.
  • Häufige Seitenaufrufe einer Sitemap sind allerdings nicht unbedingt ein Zeichen dafür, dass sie ein “Top-Content” ist und besonders gut funktioniert. Sie können auch so gewertet werden, dass die Besucher auf konventionellen Wegen nicht finden, was sie suchen und deshalb aus Verzweiflung auf die Sitemap ausweichen.

Wirft man alle Typen von Seiten und Content durcheinander, kommen also am Ende keine sonderlich aussagefähigen Indikatoren heraus. Web-Analytics Systeme unterscheiden aber leider nicht zwischen Seiten, bei denen eher eine kurze und solchen, bei denen eine lange Betrachtungszeit wünschenswert ist. Das können sie auch gar nicht, weil diese Entscheidung nur vom Verstand eines Menschen getroffen werden kann.

Zusammenfassend hoffe ich, dass unser kleiner Exkurs etwas von der Komplexität, aufzeigt, mit der wir konfrontiert sind, wenn Zahlen, die irgend ein Reporting-System in hübschen Grafiken ausliefert, wissenschaftlich interpretiert werden sollen. Hierzu passt in gewisser Weise, dass die Autoren hinter Google Insights for Search selbst darauf hinweisen, dass die Daten des Tools nicht für “harte” wissenschaftliche Zwecke wie eine Doktorabeit oder ähnliches geeignet seien. Behält man dies im Hinterkopf kann das Tool jedoch sehr gut eingesetzt werden, um z.B. Popularität zu messen. Die Kurven können auch – dies zeigt das Beispiel “Kryptonite” – als durchaus beeindruckendes Stilmittes der visuellen Rhetorik eingesetzt werden.

Google Trends und Insights for Search I: Abnehmen mit Gänsebraten

Mit der Auswertung der Trefferlisten der Google Suche lassen sich so allerlei erbauliche anthropologische Betrachtungen anstellen. In vielen launigen Glossen und Presseartikeln wird deshalb Bezug darauf genommen, ob und wenn ja welche Varianten von Wörtern oder Suchbegriffen in welcher Häufigkeit und Schreibwese verschieden lange Trefferlisten erzeugen – oder möglicherweise gar nicht zu finden sind. Das Ergebnis wird dann gerne essayistisch verwertet, um zu belegen, dass bestimmte Dinge so und nicht so und andere so herum aber nicht anders herum in den Köpfen des Suchmaschinen nutzenden Teils der Menschheit herumspuken. Dahinter steht die Prämisse, dass das, was in den den Suchschlitz der größten Suchmaschine der Welt eingetippt wird, eine Art Essenz oder Konzentrat der Wünsche und Gedanken der Menschheit sein müsse.

Gänzlich unrealistisch ist das nicht, denn natürlich suchen wir beim Surfen im Web Dinge,…

  • …die für uns relevant sind,
  • die wir uns wünschen,
  • die uns betroffen machen,
  • an die wir heimlich denken,
  • für die wir uns interessieren.

Umgekehrt suchen wir niemals nach etwas, das wir nicht kennen und nur sehr selten nach Dingen, die uns herzlich gleichgültig sind. Insofern ist aus der Sicht eines Marktforschers eine Statistik von Sucheingaben (sei es auf der eigenen Website oder „off site“ auf einer großen Suchmaschine) eine ziemlich interessante Informationsquelle.

Ich möchte deshalb in diesem und einem noch folgenden Beitrag über Auswertungen und Kennzahlen berichten, die  über “Google Trends” (http://trends.google.com) und „Google Insights for Search“ (http://www.google.com/insights/search), erzeugt werden können. Ich hoffe, es gelingt mir zu zeigen, dass man mit diesen Tools (und etwas Geduld, Phantasie und Systematik) einige durchaus interessante und ziemlich direkte Blicke  in die Köpfe der Internet-Gemeinde werfen kann.

Google Trends:

Das Szenario:

Beginnen wir mit einem gar nicht so unrealistischen Szenario: Die Redaktion der monatlich erscheinenden Frauenzeitschrift mit dem ebenso einfallsreichen wie zutreffenden Titel „Frau“ hat einen rasend spannenden Artikel über eine neue Diät auf Halde, der in Kürze erscheinen soll. In der Redaktionskonferenz kommt die Frage auf, ob das Interesse an dem Thema „Diäten“ und „Abnehmen“ am geplanten Erscheinungstermin (November 2011) möglicherweise jahreszeitbedingt erhöht oder verringert sein könnte. Hier kann man interessanterweise ganz unterschiedliche Vorhersagen ableiten.

Die Gier-Hypothese:

Einige Redaktionsmitglieder vertreten die Ansicht, der Spätherbst sei sehr gut geeignet, weil in der dunklen Jahreszeit die Gier auf Kalorien ja zunehme und die Leserinnenschaft insofern besonders an Tipps interessiert sein müsse, wie man diese im Zaum halten könne. Aus diesem Grund sei das Thema im Novemberheft von “Frau” gut platziert. Headlines wie „Bleib schlank im Herbst“ oder „Der Diät-Workout für die Festtage!“ machen schon die Runde.

Die Verdrängungshypothese:

Eine zweite Fraktion meint, das genaue Gegenteil müsse der Fall sein: November, das sei doch die Zeit von Spekulatius, Stollen und anderer vorweihnachtlicher Leckereien! Da sei niemand ernstlich an einer Diät als Spaßbremse interessiert. Vielleicht könne man aber nach den Festtagen, wenn der erste Kontakt mit der Waage die Folgen der Völlerei unmissverständlich deutlich macht (und obendrein die Zeit der guten Vorsätze fürs nächste Jahr anbricht), ein gesteigertes Interesse am Thema Abnehmen und Diät verzeichnen. Der Beitrag müsse also in das Januarheft, ganz klar.

Eigentlich sind beide Hypothesen plausibel, oder? Ja. Möglicherweise heben sich die Effekt auch gegenseitig auf? Ohne weitere Daten lässt sich dies nicht klären, da kann nur das Machtwort der Chefredakteurin entscheiden. …ob die unfehlbar ist? Sie selbst wäre dieser Hypothese nicht abgeneigt, aber bevor sie nun die Trumpfkarte spielt, als mächtigste und am besten bezahlte Person in der Runde die Wahrheit definieren zu können, bringen wir unsere Suchmaschinen-Tools in Stellung.

Wie man Google Trends benutzt:

Mit „Google Trends“ können wir die im Raum stehende Frage nämlich klären. Hierzu bedarf es zweier Vorannahmen, dass nämlich (a) die Suche nach dem Begriff „diät“ auf Google in Zeitperioden mit einem hohen/geringen Interesse an Diäten zu/abnimmt, und (b) dass dieser Effekt so deutlich ist, dass er von der zweiten Bedeutung des Wortes (der “Diäten” von Abgeordneten) nicht übermäßig kontaminiert wird. Der Rest ist denkbar einfach: Man ruft die Seite http://trends.google.com auf und tippt das Suchwort, für das man sich interessiert, in das Eingabefeld. Auf der folgenden Seite kann man dann die Suche weiter eingrenzen, indem man eine Region und einen Zeitraum für die Abfrage spezifiziert. Sucht man nach der Häufigkeit des Wortes „diät“ im Google Search Volume für „Deutschland“ innerhalb der „letzten 12 Monate“ vor dem Erscheinungsdatum dieses Artikels (Juni 2011), erhält man folgende Grafik:

Kurve für den Verlauf der Suchhäufigkeiten für das Suchwort "diät" in Google Trends
Abbildung 1: Verlauf des Google Search Volume Index für den Begriff 
„diät“ in Deutschland von Juni 2010 – Juni 2011. Fällt Ihnen etwas auf?

Was können wir schlussfolgern?

Wenn die blaue Linie die Häufigkeit der Suchanfragen für „diät“ wiedergibt (was die Zahlen genau bedeuten, werden wir gleich noch sehen), scheint es um die Jahreswende einen bemerkenswerten Effekt zu geben. Ab Mitte November sinkt die Kurve deutlich ab, um genau nach Weihnachten schlagartig anzusteigen. Das entspricht auf den ersten Blick natürlich sehr deutlich der Verdrängungshypothese (s.o.). Und den optimalen Zeitpunkt für einen Artikel zum Abnehmen haben wir genau lokalisiert: Es ist der 1. Januar. Dort vermischen sich vermutlich die Schuldgefühle wegen der angefutterten Pfunde mit den guten Vorsätzen fürs neue Jahr. Also: Die Verdrängungshypothese hat gewonnen, die Chefredakteurin kann ihre Autorität und Erfahrung für sich behalten. Und wir haben nicht nur gesehen, wie man Google Trends als Messinstrument einsetzt, wir können auch einen Namen für einen Effekt aus der Taufe heben – ein Brauchtum, dem in der Wissenschaft immer wieder gerne nachgegangen wird. Also: wir haben Dr. Wirths “Jahresend-Diät-Zacke” gefunden!

Die Berechnung des “Search Volume Index”:

Bis jetzt habe ich eine Frage unterschlagen, die einigen meiner Leserinnen und Leser wahrscheinlich auf der Zunge liegt und/oder den Nägeln brennt: Was bedeuten eigentlich die Werte auf der y-Achse der Grafik, die mit „Search Volume Index“ überschrieben sind? Die einfachste Antwort ist zunächst – wie immer in solchen Fällen – die Formel, mit der die Werte bestimmt werden:

SVI für einen Tag = Mittlere Häufigkeit für einen Suchbegriff im angefragten Zeitraum / Häufigkeit am gegebenen Tag

Formel 1: der Search Volume Index als Formel (Erläuterungen im Text)

Zur Erklärung: Der SVI errechnet sich immer für einen bestimmten Tag relativ zu der vom Benutzer vorgegebenen Zeitperiode. Die mittlere Häufigkeit des Suchworts während dieses gesamten Zeitraums steht also im Nenner des Bruchs, im Zähler steht die beobachtete Häufigkeit an dem Tag, für den der Index gerade bestimmt wird. Klingt vielleicht etwas verwirrend, ist aber ganz einfach, wie man an einem Berechnungsbeispiel zeigen kann: Nehmen wir an, in den vergangenen 12 Monaten wurde das Wort „diät“ im Durchschnitt 500 mal am Tag gesucht, und am 1. Mai waren 50 Suchanfragen zu verzeichnen. Dann berechnet sich der Search Volume Index (SVI) für den 1. Mai folgendermaßen:

SVI = 50/500 = 0,1

Formel 2: Berechnungsbeispiel für den SVI (Erläuterungen im Text)

Man erkennt, dass es eine gewisse Verwandtschaft zwischen dem SVI und der Prozentrechnung gibt. Tatsächlich können die SVI-Werte durch eine einfache Multiplikation mit 100 in Prozente umgerechnet werden.

  • SVI = 0,5 besagt, dass das Wort an dem betreffenden Tag halb so oft (50%) gesucht wurde wie im Durchschnitt der angegebenen Periode,
  • SVI = 3,0 besagt, dass das Wort 3 mal so häufig (300%) gesucht wurde.
  • SVI = 1,2 besagt, dass die Häufigkeit der Suchanfragen für das Wort 20% erhöht (also 120%) war.
  • usw.

Ein SVI von beispielsweise 0,5 kommt also bei einem Verhältnis der Anfragen am Zieldatum zu Anfragen in der Periode von 2.000 : 1.000 oder 100 : 50 oder 40 : 20 oder gar 2 : 1 zustande.

Es geht hier also immer nur um die relative Verteilung der Anfragen in dem vorbestimmten Zeitraum. Die absolute Zahl der Suchanfragen lässt sich mit dem Search Volume Index nicht bestimmen! 

Linguistische Probleme (Pardon: Herausforderungen)

Das Problem bei der Verwendung des Search Volume Index ist natürlich, dass Wörter oder Zeichenketten mehrere Bedeutungen haben können. Gar nicht so selten gibt es z.B. für Wörter im Deutschen englische Zwillinge mit gleicher Schreibweise aber völlig unterschiedlicher Bedeutung. Das deutsche Wort „Fasten“ eignet sich für unsere kleine Studie zum Thema Abnehmen im Jahresverlauf beispielsweise nicht gut, weil man im Englischen „von Fasten Seatbelts“ spricht, wenn Sicherheitsgurte angelegt werden sollen. Diese Fälle würden also fälschlicherweise zu unserem Suchindex addiert. Eine Sprachwahl für die Suchbegriffe bietet die Benutzeroberfläche von Google Trends aber leider nicht an. Immerhin kann man aber die üblichen Google-Suchoperatoren verwenden, d.h. kann man durch Voranstellen eines Minus-Zeichens eine bekannte englische Bedeutung aus dem Suchstring ausschließen. Die Anfrage wäre dann: „fasten -seatbelts“.

Aber auch im Deutschen gibt es Wörter, die je nach Verwendungskontext bei gleicher Schreibweise in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet werden. So ist es auch bei unserem Beispiel: Kann der Effekt in Abbildung 1 auf ein saisonales Interesse an „Abgeordneten-Diäten“ zurückgehen? Wir können das nicht direkt prüfen. Allerdings können wir in Google Trends ein zweites oder drittes, insgesamt bis zu 5 Suchwörter heranziehen und ihre relative Häufigkeiten im Zeitverlauf sichtbar machen. Um unsere Interpretation in Sachen Diät abzusichern, bietet sich als Vergleichsobjekt ein Wort an, das dem Begriff „diät“ ähnlich, aber sicher nicht auf Abgeordnetendiäten bezogen ist. Dies ist z.B. das Wort „abnehmen“. Die folgende Abbildung zeigt das Ergebnis einer vergleichenden Abfrage der Begriffe „diät“ und „abnehmen“, wiederum über die letzten 12 Monate, wiederum in Deutschland.

Der Verlauf für die Begriffe diät und abnehmen ist parallel

Abbildung 2: Häufigkeiten für Suchanfragen nach "diät" und "abnehmen" - fällt Ihnen etwas auf?

Gut. Nun wissen wir, dass es wirklich die Diäten im Sinn von Gewichtsreduzierung und nicht die Abgeordnetendiäten sind, welche die charakteristische Zacke am Jahreswechsel erzeugen. Anders wäre die auffällige Parallelität im Verlauf der Kurven nicht zu erklären. Wir können die Verdrängungshypothese also beibehalten. Und anscheinend ist der jahreszeitlich bedingte Wechsel von Unaufmerksamkeit (ab Mitte November) und erhöhter Aufmerksamkeit (etwa ab Weihnachten) für Themen rund um das Thema Gewichtsreduzierung bei dem Begriff „abnehmen“ sogar noch markanter.

Man erkennt an Abbildung 2 übrigens, dass der Begriff „abnehmen“ gemessen an der Häufigkeit des Begriffs „diät“ insgesamt um einen Faktor 1.64 häufiger ist (vgl. die Legende für die beiden Kurven). Auf 100 „diät“-Anfragen kommen also im Durchschnitt 164 „abnehmen“-Anfragen. Dies ist ein Grundprinzip der Google Trends Auswertung: Die durchschnittliche Zahl von Suchanfragen für die gewählte Zeitperiode wird für den ersten Begriff, den man eingibt = 1 gesetzt, und alle weiteren Werte und Kurven werden an dieser Norm gemessen.

Die relative Häufigkeit des Auftretens mehrerer unabhängiger Suchbegriffe über die Zeit kann also mit Hilfe des SVI verglichen und analysiert werden.

Spezielle Auswertungen

Die Schuldfrage

Wie verblüffend einfach und direkt sich mit mit dem SVI bestimmte Bedeutungszusammenhänge des alltäglichen Lebens darstellen lassen, zeigt die folgende Grafik. Sie setzt den Verläufe des SVI für die Begriffe „abnehmen“ und „gänsebraten“ zueinander in Beziehung.

Wenn Gänsebraten gesucht wird, werden keine diäten oder tipps zum Abnehmen gesucht

Abbildung 3: Verlauf der Suchanfragen für "abnehmen" und '"gänsebraten - fällt Ihnen etwas auf?

Man erkennt leicht: Das Interesse für Gänsebraten steigt ab Oktober allmählich in einem flachen Gradienten an (wo ist das beste Rezept….?), zeigt eine markante Zacke um die Weihnachtszeit und fällt dann ebenso rasch wieder unter ein messbares Niveau. Es verhält sich also exakt umgekehrt zum Interesse für „abnehmen“ – wen wundert‘s? Wer Rezepte für den Weihnachtsbraten recherchiert, hat eben nicht die richtige mentale Einstellung fürs Kampf-Fasten. Wenn die Reste verdaut sind, erwacht mit dem schlechten Gewissen das Interesse für Diäten erneut und die “Jahresend-Diät-Zacke” wird sichtbar.

Die Kulturfrage

Mit dem letzten Auswertungsbeispiel greife ich dem zweiten Artikel dieser Serie, in dem es in Kürze um “Google Insights for Search” gehen wird, etwas vor. Es ist jedoch noch einmal gut geeignet, die Daten, die man aus Google Trends gewinnen kann, zu “validieren”, sprich: ihre Gültigkeit als Messwert nachzuweisen. Hierzu folgende Überlegung: Wie mag das Interesse für Diäten und Abnehmen in Ländern entwickeln, die keine christlich-weihnachtliche Fresstradition haben? Also zum Beispiel in muslimischen oder buddhistischen Ländern? Hier dürfte es – nach allem, was mein gesunder Menschenverstand mir sagt ., keine Jahresenddiätenzacke geben. Das Phänomen ist rein logisch an das Vorhandensein eines hohen Feiertags mit Fressritual und Vorglühphase gebunden. Fehlt das Ritual, müsste das Interesse an Diäten einigermaßen konstant sein. Können wir das nachweisen…?

Der Test steht und fällt mit einem geeigneten Vergleichsfall. Wir brauchen hierfür ein Land, das folgende Bedingungen erfüllen muss:

  • Englisch muss Verkehrssprache sein, oder es ist mindestens mit einem signifikanten Anteil englischsprachiger Suchanfragen zu rechnen. Sofern Englisch nicht in Frage kommt ist alternativ leicht zu recherhieren, was “diät” in der Landessprache heißt.
  • Es sollten möglichst keine speziellen Zeichensätze zu installieren sein, um die Anfrage machen zu können (damit entfällt z.B. Japanisch, Arabisch und Chinesisch). Dies ist kein logisch zwingendes, sondern ein rein pragmatisches Argument.
  • Die Kultur muss in weiterem Sinn nicht-westlich geprägt, also einer anderen Weltreligion zugehörig oder (wie in den wenigen verbliebenen sozialistischen Ländern der Erde) “atheistisch” orientiert sein.

Nach einigen Recherchen und Versuchen habe ich mich für Indonesien als Region mit Englisch als Zweit-Sprache und einer eher asiatisch-chinesisch geprägten Kultur entschieden. Sicherlich gibt es auch Europäer in Indonesien, doch wenn die Hypothese stimmt, dass Google Trends die Denkwelten widerspiegelt, die in der Bevölkerung einer Region vorherrschend sind, dann sollte die Jahresenddiätenzacke hier entweder fehlen oder mindestens deutlich weniger prägnant ausgeprägt sein. Das Ergebnis der Abfrage “diet” für Indonesien in den vergangenen 12 Monaten zeigt die folgende Abbildung:

Sichtbar ist eine gleichmäßige Kurve um den Jahreswechsel

Abbildung 3: Verlauf des Interesses für "diet" in der Region Indonesien - fällt Ihnen etwas auf?

Man sieht: die Jahresend-Diät-Zacke ist kaum zu sehen, sie geht in den natürlichen Schwankungen der Zeitreihe unter. Also: Das Ergebnis spricht für die Validität des Search Volume Index als Indikator für das Interesse an einem Thema in einer Kultur, mindestens unter bestimmten Umständen.

Zwischenbilanz und Ausblick

Hat man das Prinzip des SVI einmal verstanden, gibt es eigentlich nur noch drei Dinge, die dem Einsatz dieses kleinen Spielzeugs Grenzen setzen:

  1. Das Erste ist natürlich wie immer die Phantasie des Benutzers: Welche Sucheingaben relevant? Welche sind interessant? Welche sind aussagefähig? Mit welchen kann man Einsichten in das Informationsverhalten des Publikums gewinnen? Welche sind trivial und zeigen, was wir ohnehin alle wissen? Welche können einen notwendigen Nachweis für eine allseits geteilte und geglaubte aber möglicherweise fehlgeleitete Überzeugung liefern?
  2. Das Zweite ist die sprachliche Präzision: Welche Begriffe kann man ausreichend eindeutig formulieren? Welches sind überhaupt die richtigen, trennscharfen Begriffe für ein Thema? Gibt es eventuell mehrere, gleichwertige Suchwörter für ein Thema? Welches ist dann zu wählen? In welchen Kulturen und Sprachen kann man sich überhaupt mit einiger Sicherheit bewegen?
  3. Das Dritte ist die Häufigkeit der Suchbegriffe: Diese spielt eine sehr direkte Rolle für die Verwendungsmöglichkeiten des Instruments. Google gibt hierzu keine genauen Informationen – soweit ich es recherchieren konnte – aber es gilt die Faustregel: Seltene Suchanfragen erzeugen leere Seiten und ein dummes Gesicht. Special Interest Recherchen sind also nicht möglich. Damit entfällt auch die Möglichkeit, kulturvergleichende Messungen in kleinen Regionen zu machen.

Trotz der Fragezeichen kann Google Trends interessante Zusatzinformationen für Forschungsfragestellungen liefern. Im nächsten Beitrag werde ich mich mit dem ähnlich arbeitenden aber deutlich vielseitigeren Tool “Google Insights for Search” beschäftigen und dessen Nutzen für die Messung von Markenimage und Reichweiten von Kommunikation genauer unter die Lupe nehmen. Dieses Tool ist im Unterschied zu Google Trends nur zu verwenden, wenn man ein Google Konto hat. Allerdings: wenn man in den sauren Apfel beißt und sich bei der größten Datenkrake der Welt vielleicht notfalls unter einem Pseudonym registriert und einloggt, hat man ungeahnte Möglichkeiten, das Suchverhalten der Internet-Gemeinde weltweit zu untersuchen.

Wabi-Sabi meets Apple Design

“Wabi-Sabi” ist ein Begriff aus dem traditionellen Japanischen (übrigens nicht zu verwechseln mit dem fast gleichnamigen Wasabi-Meerrettich), der eine bestimmte Eigenschaft von Objekten beschreibt, für die es – bezeichnenderweise – keine direkte Übersetzung im Deutschen gibt. Man könnte vielleicht sperrige Begriffe wie “Gebrauchsrobustheit” oder “Materialangemessenheit” erfinden, diese mit “Schönheit”, “Stil” und “Dauerhaftigkeit” vermischen, und hätte dann möglicherweise annähernd ausgedrückt, worum es geht. Aber gerade deshalb, weil es in westlichen Kulturen kein sprachliches Äquivalent zu Wabi-Sabi” gibt, ist der Begriff so interessant.

In der Wab-Sabi Philosophie der Gestaltung werden die Kunst, künstlerisches Handwerk, Qualität und Schönheit auf eine ganz eigene Art betrachtet. Ich möchte nun nicht die Illusion wecken, ich könnte diese in einigen Sätzen so erklären, dass ein japanischer Kalligraph, Töpfer oder Maler damit zufrieden wäre. Ein wichtiger Gedanke des Wabi Sabi ist mir jedoch sehr eingängig: Künstler, Gestalter, Designer (oder die jeweiligen -innen) sollten den späteren Gebrauch eines Objekts bei seinem Entwurf vorwegnehmen. Es soll also nicht nur berücksichtigt werden, wie etwas gut funktioniert. Genauso wichtig ist, wie Materialien altern, und ebenso, wo und wie sich Abnutzung auf Formen, Farben und Oberflächen auswirkt.

Eine gute Idee

Natürlich ist es sinnvoll, zu überlegen, welche Veränderungen mit einem Gegenstand vor sich gehen werden, der für lange Zeit in Gebrauch sein wird. Der Zustand der Neuheit ist ja buchstäblich nur ein Augenblick: kurz, sehr rasch vorüber und obendrein kaum wiederholbar. Die bei weitem überwiegende Mehrheit der Objekte, die uns in unserem Alltag umgeben, sind deshalb mehr oder weniger alt, mindestens Monate, zum Teil Jahre oder gar Jahrzehnte. Hierfür – für das Altern und Benutzt werden – sollten sie dann auch gedacht und gemacht werden. Eine Gestaltung im Geiste von Wabi-Sabi verschiebt ästhetische Idealvorstellungen Richtung auf asymmetrische, ungleichmäßige, organisch wirkende Formen, rauhe und gemaserte, unregelmäßige Oberlächen, denn diese widerstehen der Zeit am besten. Ein weiterer Gedanke, des Wabi Sabi: Dinge sollten möglichst NICHT PERFEKT sein. Makel, z.B. eine kleine Abweichung von der Idealform, eine Verfärbung, eine Narbe, Unregelmäßigkeiten in der Maserung usw. werden also nicht vermieden und im schlimmsten Fall als Ausschuss klassifiziert und entsorgt. Nein, sie werden ganz im Gegenteil regelrecht eingeplant – wobei man vielleicht richtiger sagen sollte, dass es sich um planvoll Ungeplantes handelt, denn jede systematisch, präzise ausgeführte Unregelmäßigkeit würde den Grundgedanken des Wabi Sabi ad absurdum führen. Dieser Ausschnitt eines alten Tisches verdeutlicht exemplarisch, wie eine Oberfläche aussieht, die dem Wabi-Sabi Prinzip folgt:

Holz ist ein Werkstoff, der - richtig eingesetzt und verarbeitet - in Schönheit altert
Wabi-Sabi Fundstück: Die Oberfläche meines Küchentischs

Gut und schön ist nur, was NEU ist?

Analysiert man nun unsere westliche Produktwelt etwas kritischer, erkennt man ohne viel Mühe, dass die einfachen und fast trivial anmutenden Forderungen nach Langlebigkeit und funktioneller Gestaltung im Sinn von Wabi-Sabi sehr oft ausdrücklich NICHT berücksichtigt werden. Ganz im Gegenteil: viele moderne Gegenstände und Produkte sind NUR im perfekten Neuzustand, möglicherweise sogar nur in ihrer Verpackung, wirklich “richtig schön”. Sobald die Zeit oder der Gebrauch die ersten Spuren hinterlassen, geht es rapide bergab. Das gilt für Spielzeuge, Möbel, Kleidung, Autos, Uhren, Schuhe, Computer, Elektrogeräte, Geschirr und und und. Anschaulichstes Beispiel ist vielleicht der allererste Kratzer im Lack eines neuen Autos, der bei der Besitzerin oder dem Besitzer in der Regel eine Mischung aus Erschrecken, Melancholie und Bestürzung auslöst – natürlich gepaart mit einer sich auf den Verursacher des vermaledeiten Kratzers gerichteten Wut. Meine Güte, das schöne Auto! Der redensartlich abblätternde Lack ist dann ja auch eine oft und gern gebrauchte abfällige Formulierung, die sich dieses eherne Gesetz unserer westlichen Zivilisation ganz direkt zunutze macht, eben: Gut und schön ist nur, was NEU ist!

Fetische der Digital Natives…

Man könnte hinzufügen: nicht nur neu, sondern auch makellos, ebenmäßig, symmetrisch, glatt, faltenlos, glänzend, spiegelnd, sauber… Und das ist natürlich irgendwie kompletter Unsinn, denn die Welt hat Makel, und deshalb ist mit makellosen Dingen nicht gut auszukommen. Die vielleicht extremsten Beispiele für diesen Wahn der Neuheit und Unversehrtheit, sind die Produkte der kalifornischen Firma Apple, die ja innerhalb der vergangenen Dekade den ersten Platz als eine Art kollektivneidauslösendes Statussymbol erobern und sich zu Ikonen des Designs, regelrechten Fetischen entwickeln konnten. Hiervon zeugt u.a. der der rennommierte „Red Dot Design Award“, den das Apple Design Team im Jahr 2002 gewinnen konnte. In der Tat: Sollte irgendeine Ausstellung in ferner Zukunft den gestalterischen Zeitgeist des beginnenden 21. Jahrhunderts anhand beispielhafter Exponate darstellen wollen, die Palette der “Mac”- und “i”-mit-Irgendwas-Produkte wäre mit Sicherheit vertreten.

…mit gewissen Schwächen

Eine solche Ausstellung wäre allerdings nur vollständig, wenn ergänzend zu den glattpolierten Primär-Fetischen auch die breite Palette der sekundären Schon- und Schutzhüllen sowie produktbezogenes Reparaturequipment und Prothesen gezeigt würden. Allesamt Dinge, die für sich genommen überhaupt keinen Sinn machen, die man sich aber fast notwendig kaufen muss, um zu verhindern, dass das eigentlich interessierende Objekt irgendwelchen schädlichen Umwelteinflüssen ausgesetzt wird. “Schädlich” ist dabei eigentlich alles, was in irgendeiner Form auf die Oberfläche des
Geräts einwirkt. Deshalb darf man beispielsweise auf gar keinen Fall iPods, iPhones oder iPads ungeschützt der feindseligen Atmophäre eines Rucksacks oder einer Tasche aussetzen! Die Oberfläche der Displays der iPod-Generationen, die sich um das Jahr 2005 anschickten, den Weltmarkt zu erobern, war derart empfindlich gegen Kratzer, dass sie bei ungeschützter Aufbewahrung ohne eine geeignete Hülle binnen Tagen völlig verschrammt und hässlich wurde. (Man kann entsprechende Blog- und Foren-Einträge ohne Mühe im Dutzend finden). Mittlerweile haben die Kunden gelernt, dass mindestens eine Schutzhülle (z.B. aus einem derart coolen Material wie “thermoplastischem Polyurethan”) zur notwendigen Standardbewaffnung jedes iPod-  oder sonstigen i-Dings-Trägers (bzw. -Trägerin) gehört.

Kundenerfahrung(en)

Meine eigenen Erfahrungen mit dem besonderen Charme der makellosen Produkte mit dem Apfel-Logo reichen zurück in die Zeit, als mir ich den ersten iPod (ein iPod Nano, silbern, mit 8 GB Speicher) anschaffte. Die wie ein Präzisionsspiegel polierte Rückseite dieses Gerätchens ertrug einfach keine Berührung. Jeder Kontakt mit menschlicher Haut bewirkte eine sofortige partielle Erblindung der Oberfläche, die beim Besitzer des Geräts (also mir) augenblicklich eine Hauch-, Fummel-, Reinigungs- und Polier-Attacke auslöste, die dann anhielt, bis das Ding wieder ebenso ordnungsgemäß wie makellos spiegelte. Der Kauf eines geeigneten Etuis, das die übereifrig glänzende Oberfläche gnädig mit ziemlich hässlichem aber unempfindlichem Kunstleder bedeckte, ließ nicht lange auf sich warten… Allerdings hat sich mir schon damals die Frage gestellt, wozu man eine solche Oberfläche überhaupt für ein Gehäuse verwendet, wenn sie so lebensuntüchtig ist, dass man sie ohnehin abdecken muss.

Hochglanzprodukte: Man beachte den garantiert verschmutzungsresistenten digitalen Spiegeleffekt. Quelle: amazon.de

Und ich bin und war beileibe nicht der einzige, der sich hier ärgerte. Wer sich ein wenig Zeit nimmt und recherchiert, findet im Web allenthalben und ohne Mühe Spuren des Kampfes der Kunden mit den hyperblanken, hochempfindlichen Oberflächen der Apple-Produkte. Ich empfehle Suchwortkombinationen wie „ipod kratzer display“ (155.000 Treffer bei Google).

Apokalypse in Schwarz

Der blanke Irrsinn tritt nun allerdings ein, wenn die schonenden, schützenden Hüllen ihrerseits so empfindlich gefertigt werden, dass man sie eigentlich mit Hüllen zweiter Ordnung verpacken müsste, um sich noch einigermaßen wohl fühlen zu können. Unübertroffen in dieser eigenartigen Disziplin ist die von der Firma Apple selbst als Zubehör für das iPad angebotene Original-Schutzhülle. Sie besteht nicht aus einem strapazierfähigen Material wie Leinen, Leder, Kunstleder (oder meinetwegen thermoplastischem Polyurethan), sondern aus einer moosgummiartigen Substanz, die – ganz konform mit der feschen Optik des eigentlichen Produkts – in samtigem Schwarz gehalten ist. Zu der Schutzhülle erhält der Kunde ein kleines schwarzes, sakral anmutendes Tüchlein, das sich anfühlt wie Rohseide. Haptik und Optik stimmen und passen ausgezeichnet zur Klavierlack-Anmutung des eigentlichen Geräts. Das Tüchlein dient der schonenden Politur des Touch-Screens des Geräts und ist angesichts dessen fingerabdruckkonservierender Empfindlichkeit wirklich praktisch. Eigenartig ist etwas anderes. Es fällt SOFORT auf, wenn man die Hülle ihrer Bestimmung gemäß in die Hände nimmt und zu benutzen beginnt. Das Material verzeiht nämlich keine Berührungen, und zwar ganz grundsätzlich nicht. Niemals und von Niemandem. Es ist auch nicht einfach blank zu wienern, wie das Objekt, zu denen Schonung und Schutz es eingesetzt wird, auch unser Schwarztüchlein versagt. Um meinen Leserinnen und Lesern einen Eindruck davon zu geben, wie sie sich verhält, habe ich die Hülle fotografiert und einen kleinen aber repräsentativen Ausschnitt der Oberfläche hier dargestellt.

Ein buchstäblicher Schmutzfänger: Die Oberfläche der Apple iPad Hülle

Ich möchte betonen, dass der abgebildete Zustand das Ergebnis einer normalen Benutzung des Geräts ist. Ich habe nichts beschönigt und nichts zusätzlich getan, um das Aussehen der Oberfläche zu verändern. Ich habe mich auch vor der Benutzung nicht im Staub gewälzt.

Das Bild kommentiert sich selbst.

Ursachenforschung

Wie konnte es dazu kommen, dass ein Gigant, eine Weltfirma wie Apple einen solchen rohrkrepierenden Autoimmundefekt von einer Hülle produziert und zu Tausenden verkauft? Warum leiden die Produktpaletten des Unternehmens nahezu vollständig unter diesen eigenartigen Empfindlichkeiten? Ich weiß es nicht mit Sicherheit zu sagen, kann aber einige Hypothesen beisteuern. Ich vermute, es ist letztlich eine Kombination dieser Faktoren:

  • Die erste: Es hat niemand etwas bemerkt. Die Produktmanager, Designer und Führungskräfte bei Apple Inc. einschließlich Steve Jobs sind nämlich allesamt Zwangsneurotiker, die sich durchschnittlich 132 mal am Tag die Hände waschen und regelmäßig durch Polieren glatter Oberflächen ihre Libido zum Qualmen bringen.
  • Die zweite: Man hat bei Apple Inc. irgendwann den Unterschied zwischen Screen- und Produktdesign komplett verlernt. Deshalb versucht man die stylish-fancy-glossy Oberflächen, polierte Icons und Buttons aus den hauseigenen User Interface Styleguides in der Realität nachzubilden – ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, ob das überhaupt Sinn macht und welche Folgen dies hat.
  • Die dritte: Man interessiert sich eigentlich gar nicht für langlebige Produkte, die ein Höchstmaß an Toleranz gegenüber jedem Umwelteinfluss erdulden und insbesondere ihre Benutzung klaglos hinnehmen. Stattdessen möchte man Produkte mit möglichst geringer Halbwertszeit herstellen, damit die Gier nach einem neuen, schönen makellosen, jungfräulichen Produkt möglichst rasch neu entfacht wird.
  • Die vierte: Apple fällt mit schöner Regelmäßigkeit und großem Selbstbewußtsein seiner Glossy-Shiny-Pseudo-Klavierlack-Ästhetik zum Opfer und versteht überhaupt nichts von der Philosphie des Wabi-sabi.

Mehr Informationen zum Thema

Ich selbst bin eher zufällig durch eine Randbemerkung einer Künstlerin auf den Begriff Wabi-sabi aufmerksam geworden. Die Sache hörte sich aber so interessant an, dass ich zu recherchieren begann. Die beste Quelle, die mir hierbei untergekommen ist, ist ein Büchlein mit dem Titel „Wabi-sabi für Künstler, Architekten und Designer: Japans Philosophie der Bescheidenheit“, herausgegeben von Mathias Dietz, erschienen im Wasmuth Verlag. zum Titel bei Amazon

Der Schweizer Fotograf Andreas Hurni hat auf seine Website einen schönen Text zu Wabi sabi geschrieben, der auch vom Unterschied westlicher Ästhetik und japanischer / Zen-Ästhetik behandelt. zum Artikel.

Der Fußball in Zeit und Raum

Datengestützte Analyse und Visualisierung von Fußballspielen ähneln Methoden im Usability-Engineering. Und: ein Videovergleich zwischen den Bildern der Livereportage und des datengenerierten Ballweges am Beispiel der Spielzüge, die zu 4.Tor im Spiel Deutschland – England führten.

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Fußball-WM und Web-Analytics

Was ich in den vergangenen Wochen entdeckte, hängt mit der Fußball WM in diesen Tagen zusammen. Diese Entdeckungen ähneln in vielem den Grafiken, die im Usability-Engineering verwendet werden. So gibt es beispielsweise Heatmaps, die den Ballbesitz der Mannschaft auf dem Spielfeld visualisieren. Es gibt Gazeplots, die die Laufwege eines Spielers auf dem Spielfeld aggregieren. Es gibt Flashmovies, die den Weg des Balles über die gesamte Spielzeit in Realtime darstellen und dabei die einzelnen Spielsituationen kennzeichnen.

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Grafiken und Visualisierungen in der Analyse von Fußballspielen ähneln sich nicht zufällig denen bei der Analyse von Websites und Applikationen. Denn hier wie dort fallen Daten an, die auf Validität zu prüfen sind, die typisches Verhalten analysieren lassen und aus denen Schlussfolgerungen für Strategien zur Optimierung gezogen werden können. Im Falle des Fußballspiels geht es um die Optimierung der eigenen Spieler und der eigenen Spieltaktik sowie um das Erkennen der Schwächen gegenerischer Spieler. Im Falle von Websites und Applikationen geht es um das Verhalten sowie die Absichten der Nutzer und die Optimierung von Inhalten, Layout, Navigations- und Interaktionsmechanismen.

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Tracking von Spielen und Statistiken

In der Technology Review 6/2010 wird unter der bezeichnenden Headline auf dem Zeitschriftencover “Fussball – Siegen lernen mit Analysesystem” ein erster Überblick über den gegenwärtigen Stand des Trackings, der Datenanalyse, der Modellierung von Spielzuständen und der Simulation im Fußball gegeben. Ehrlich gesagt, war ich überrascht über die Tiefe und das Ausmaß, in dem Datamining, Statistiktools und Optimierungssimulationen in solch ein zutiefst körperliches und durch antrainierte Reflexe und Erfahrung geprägtes menschliches Tun wie das Fussballspielen eindringen können.

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Die Standardmethode der Datenerhebung ist das automatisierte Tracking aller Spieler, des Balls und des Schiedsrichters auf dem Feld mittels Kamerabeobachtung und Mustererkennung . Einen illustrativen Überblick der Methodik bietet der Artikel “Cutting-edge sport statistics”. Die daraus entstehenden Daten müssen in der Regel manuell validiert werden und den Spielereignissen zugeordnet werden. Die genannte Illustration zeigt anschaulich, wie aus der Gesamtheit der Daten durch Extraktion die verschiedenen Leistungsaspekte eines einzelnen Spielers ermittelbar sind. Und damit kommt man von der unterhaltsamen Statistik eines abgelaufenen Spiels zur Analyse der Stärken und Schwächen einer Mannschaft, also der Optimierung zukünftiger Spiele. “In zwei bis fünf Jahren wird in allen halbwegs professionellen Ligen auf der Welt mit Tracking gearbeitet werden”, so ein Spieleanalyst eines Sportanalytik-Unternehmens. (TR 06/2010, S. 49)

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Der Guardian hält einige Visualisierungen zum Spiel Deutschland gegen England bei der WM 2010 (27. Juni 2010) bereit: Beispielsweise die Passgenauigkeit der Spieler in tabellarischer Form.

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“Boah, ist der schnell!”

Richtig viel gibt zu diesem Spiel die auf Flash basierende Applikation scoregrid her: Sie zeigt Ballbesitz in den einzelnen Feldzonen als flächig dargestellte Prozentwerte (“Possession”) und Heatmaps in Verbindung mit den Ereignissen Torschüsse, Freistöße, Karten.

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Heatmap 2.Spielhälfte Deutschland - England mit Layer Torschüsse

Heatmap 2.Spielhälfte Deutschland - England mit Layer Torschüsse. © scoregrid.com

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Diese Ereignisse sind als Sprechblasen mit animierten Icons visualisiert, die sich grafisch gut von der Ebene der Heatmap unterscheiden. Grafisch ebenfalls gelungen ist die Überblendung der Spielfelddarstellung mit den jeweiligen Detailinformationen.

Die Animationen der Icons sind allerdings überflüssig und nerven schnell, wissenschaftlich gesprochen: “erzeugen hohe kognitive Last beim User”.

Die animierten Sprechblasen stören insbesondere bei der ansonsten sehr gelungenen Darstellung des Spielablaufs (“Tracking”), bei der die Ballwege auf dem Feld fokussiert werden und diese als Spuren dargestellt werden. Spieler werden nicht dargestellt, lediglich welche Mannschaft gerade im Ballbesitz ist; ergänzt wird die Darstellung um die Spielereignisse. Ich finde dies eine abstrahierende Art, den Spielverlauf darzustellen, eine neue Art der Betrachtung, eine reduzierte, aber auch eine analytische Wahrnehmung.

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Tracking des Balles: Der Weg zum vierten Tor. weisse Linie = Ballbesitz deutsche Mannschaft. © scoregrid.com

Tracking des Balles: Der Weg zum vierten Tor. weisse Linie = Ballbesitz deutsche Mannschaft. © scoregrid.com

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Gelungene Details:

  • die nach und nach verblassenden Ballspuren
  • charmant: die rollende Bewegung des Balles
  • die interaktive Timeline mit den Markern der wichtigsten Spielereignissen (farbkodiert)

Das Layout ist sehr kompakt und für kleine Screens ausgelegt, daher sind manche Controls leider etwas fiepsig geraten.

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“Müller!!… Mülleeeeer!!!!!!”

Mich hat interessiert, wie präzise diese Tracking-Darstellung bezüglich Raum und Zeit eigentlich ist. Ich habe daher die TV-Bilder der Spielzüge, die zum 4.Tor des deutschen Teams führten, neben die entsprechenden Sequenzen der Tracking-Darstellung gestellt.

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Im simultanen Ablauf erkennt man bei der Tracking-Darstellung , dass einzelne Events zeitlich nicht präzise aufgelöst sind und verzögert / verfrüht dargestellt werden. Auch die räumliche Positionierung des Balles ist nicht ausreichend präzise bestimmt, wie beispielsweise die Position des ins Aus rollenden Balles zum Zeitpunkt 69:12 zeigt. In der Liveaufnahme rollt der Ball ca. 10 Meter näher Richtung Mittellinie über die Seitenlinie.

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Ich vermute, dass die der Flash-Applikation zugrunde liegenden Daten nicht manuell nachbearbeitet sind, konnte dies aber nicht in Erfahrung bringen. Bei Nutzung von Transponder-Signalen würde sich der Ball dagegen mit 3 cm Genauigkeit durch das System lokalisieren lassen! Aber dagegen hat die FIFA einiges einzuwenden …

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Schlussfolgerungen?

Was sind die Konsequenzen aus dem Gesehenen? Nun, vor allem die Bestätigung, dass die Empirie, im vorliegenden Fall also das Messen, Auswerten und Analysieren von realen Situationen, die Modellierung und Umsetzung von Ideen ein grosses Stück weiter bringen kann. Und das sogar bei Fußballspielen!

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Was ich zusätzlich erkenne: Die nüchterne Abbildung des Ballweges auf einem abstrahierten Spielfeld ohne Ton, ohne echte Spieler reicht an den Erlebniswert der TV-Bilder mit Simultan-Kommentar, Umschnitten auf die verschiedenen Kameraperspektiven, Umgebungston überhaupt nicht heran. Es ist eine abstrahierte, rationale Wahrnehmungsebene für denjenigen, der analytisch betrachten muss. Aber für derjenigen, der das Erleben sucht und der “dabei sein” will, werden die bewährten Medien das Interessantere bleiben.

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aithalides

Webfonts: Das Projekt läuft

Vor einigen Wochen hatte ich in diesem Blog über die aktuell herausgegebene Webfont-Schriften des Fonts-Shops berichtet und einige kurze Ad-hoc-Untersuchungen gestartet. Aus den damals aufgeworfenen Fragestellungen ist mittlerweile ein Projekt an der DHBW Mosbach geworden, das eine systematische Untersuchung der Aspekte von Darstellungsqualität, Performanz, Lizenzrecht etc. durchführt und das in den Händen von Studenten des Fachbereichs Online-Medien liegt.

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Einige Stichworte zum Webfont-Projekt

Untersuchte Schriften:

  • FF Yoga
  • FF Speak
  • FF Market

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Untersuchte Browser (nur die neueste Generation, damit der Blick nach vorne gerichtet ist):

  • Chrome 5.0
  • Safari 3.6
  • Internet Explorer 8.0
  • Opera 10.5.3
  • Safari 4.0.5

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Untersuchte Betriebssysteme  / Einstellungen:

  • Mac OS X
  • Windows XP mit / ohne ClearType
  • Windows 7
  • iPhone 3/Safari
  • Windows Mobile

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Erste Eindrücke

Vergangenen Dienstag die erste Zwischenbesprechung vor Ort, also an der DHBW, mit dem studentischen Projekt-Team.  Die Studenten hatten bereits die erforderliche technische Infrastruktur aufgesetzt und Webseiten unter Verwendung der zu untersuchenden Schriften gebaut; eine Matrix mit Screenshots ist vorbereitet.

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Einige erste und vorläufige (und natürlich unvollständige) Eindrücke:

  • Am saubersten laufen die untersuchten Schriften auf dem Mac OS (Zeichenabstände, Kerning, Darstellung der Glyphen, Anti-Aliasing).
  • Manche Hervorhebungen innerhalb von Mengentexten werden in manchen Browser-OS-Kombinationen visuell ungenügend umgesetzt (beabsichtigte “Einfettung”  ist zu schwach oder gar nicht vorhanden), in manchen Fällen überbetont (Hervorhebungen erscheinen extra-bold).
  • Bei Schriftstärke Light “steht” die FF Speak in verschiedenen Browser/OS-Kombinationen nicht prägnant:  Abstriche zu hell, Fleckiges Schriftbild selbst bei großen Schriftgraden, unsaubere Darstellung von Glyphen.

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Für das iPhone müssen die Schriften ins SVG-Format konvertiert werden. Wir testen auf die Schnelle einen Schriftschnitt in verschiedenen Größen ohne irgendwelche Hervorhebungen. Ich bin positiv überrascht: gute Darstellungsqualität der Schriften auf dem iPhone – ich hätte gemutmaßt, dass aufgrund der Konvertierung die Schriftqualität leidet. Zusätzlich kommt die hohe Auflösung des iPhones der Abbildungsqualität zugute. Hier ein Screenshot der Testseite, so wie sie im Safari-Browser auf dem iPhone dargestellt wird:

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Prägnante Darstellung der FF Speak auf dem iPhone 3. Vermeidung farbiger Subpixel im Anti-Aliasing der Glyphen. Kurztest am 15. Juni.

Prägnante Darstellung der FF Speak auf dem iPhone 3. Verwendung unbunter Subpixel beim Anti-Aliasing. Kurztest am 15. Juni.

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Erstes Fazit

Mein allererstes Fazit: Die @font-face-Technologien bringen alleine noch nicht die erhoffte typografische Glückseligkeit für den Webdesigner. Und wie so oft, liegt auch diesmal der Teufel im Detail.

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Das Webfont-Team hat noch viel Detailarbeit vor sich und ich bin neugierig, welche Stärken und Schwächen der untersuchten Technologie sich für die designerische Arbeit und für die Verwendbarkeit für heutige Websites zeigen werden. Anfang Juli sind die Untersuchungsarbeiten abgeschlossen und die Ergebnisse werden präsentiert werden. Dann werden wir mehr Empirisches wissen und  über eine systematische Bewertung zu den Webfonts verfügen.

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aithalides

iPhone 4 und das Wettrüsten der Pixeldichten

Die Pixeldichten von mobilen Geräten nehmen schnell und sprunghaft zu. Was bedeutet diese Hardware-Entwicklung für das Interface Design dieser Geräte?

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326 ppi! Chapeau!

So! Nun ist es durch “His i-ness” Steve Jobs selbst bestätigt: das neue iPhone 4 hat eine Auflösung von 960*640 px! Und das auf einer physikalischen Fläche von lediglich (von mir handgemessenen) 76 *51mm.

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Aber hallo!!! Diese Pixeldichte ist eine Ansage für ein Endconsumer-Gerät: Die Menge an Bildinformation eines gängigen Netbook-Displays wird auf mein iPhone-Display gepackt. Apple übertrumpft selbst die gewieftesten Fischhändler Hamburgs: “Wir bieten mehr Information auf der selben Fläche als bisher: Nicht 20 Prozent mehr, nicht 50 und nicht 100!! Auch 200 Prozent sind uns nicht genug! Ganze 400 Prozent mehr Information kommt auf unser neues iPhone.”

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Rein rechnerisch komme ich zwar nicht ganz auf die im Datenblatt angegebenen 326 px pro Zoll, aber dies liegt wahrscheinlich in der ungenauen Messung mit meinem Geodreieck begründet. Es gibt für mich keinen Grund, an den technischen Informationen von Apple zu zweifeln.

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Abbildungsqualität und Pixeldichte

Was leistete das iPhone bisher in Sachen Abbildungsqualität? Mein aktuelles 3GS verfügt über eine Auflösung von 480*320 px und hatte damit eine bereits beachtliche Pixeldichte von 163 ppi (pixel per inch): Die gerundeten Ecken der App-Icons erscheinen ziemlich sauber, ich muss schon messerscharf hinschauen, um die Pixelabtreppung zu erkennen. Die Schriften im Safari-Browser sind  präzise und gut geglättet; Ungenauigkeiten von Schrifttypen und verschwommene Glyphen sind nur durch punktgenaue Betrachtung erkennbar. Nur der Blick durch den Fadenzähler enthüllt den zugelaufenen Binnenraum beim “e”, ohne Vergrößerung kann mein Auge diese typografische Unzulänglichkeit nicht auflösen.

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Details von Typo und Icon des Buttons Sprachmemos auf iPhone 3

Details von Typo und Icon des Buttons Sprachmemos auf iPhone 3. Gut erkennbar in dreifacher Vergößerung ist das zugelaufene "e" sowie die Kantenglättung der Iconkontur.

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Das HTC HD2 verfügt über eine Auflösung von 217 ppi, das Google Nexus One hat eine Auflösung von 252 ppi. Und jetzt toppt Apple dies mit einer einer Auflösung von 326 dpi. Zum Vergleich:  Ich habe jüngere Kollegen erlebt, die ihr Notebook mit 15,4-Zoll Display mit der gewaltigen nativen Auflösung von 1920*1600 px betrieben und mit der daraus resultierenden Kleinheit von Schriften und Icons bei einer resultierenden Pixeldichte von ca. 136 ppi ihre Schwierigkeiten beim Arbeiten hatten.

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Trend: Immer höhere Pixeldichte

Nunmehr verdoppelt Apple die bisher verwendete  lineare Anzahl der Pixel beim iPhone, vervierfacht also die technisch mögliche Bildinformation in der vorhandenen Fläche beim iPhone 4. Offenbar stürmen bei Smartphone et al. die Pixeldichten gen Himmel während sie bei den Notebook & Co. immer noch in den gewohnten Bereichen bleiben: zwar nicht mehr bei den gemächlichen 72 ppi meines zwölf Jahre alten 21-Zöllers für den G4, aber immer noch in der Nähe der 96 dpi meines ersten Windows-Notebooks von 2003.

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Was bedeutet diese Entwicklung für’s Design?

Zum ersten:

Positives, meine ich! Die hardware-technische Grundlage für präzise und saubere grafische Darstellung auf Smartphones ist nunmehr vorhanden.  Scharfe und detailreiche Fotodarstellungen,  gut geglättete und dennoch scharfe Rundungen von Illustrationen, gleichmäßige Abstände von Glyphen in Mengentexten – all das ist  hardwareseitig offenbar mittlerweile möglich und wird Standard werden im Smartphone-Segment.

Was uns bevorsteht, ist also eine technische Abbildungsqualität wie im Print-Bereich: Die Raster-Struktur der Pixel bleibt künftig unterhalb der Auflösungsgrenze unseres Auges so wie das 60er-Raster des Offset-Druckes für den Leser nicht wahrnehmbar ist.

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Zum zweiten:

Diese Hardware-Entwicklung bedeutet Arbeit für Designer! Wenn die Displays Voraussetzungen für gute Typografie und knackige Illustrationen bieten, gibt es keine Ausrede mehr für zugelaufene Binnenräume bei Buchstaben, ungleichmäßige Spationierung, verschwommene Rundungen!

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Zum dritten:

Interface Designer werden auflösungsunabhängig entwerfen müssen. Vielleicht heißt die Anforderung besser: “dichtesensitiv”. Im angelsächischem Techno-Sprech lautet der entsprechende Begriff “dpi-aware”. Und dies meint: das System muss für unterschiedliche Pixeldichten des Displays und damit unterschiedliche physikalische Abmessungen verschiedene Größen derselben Bedienelemente präsentieren können.

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Interaktive Flächen auf Touch Screens

Eine Überlegung anhand der aktuellen Verdopplung der linearen Pixeldichte von 163 ppi (iPhone 3) auf 326 ppi (iPhone 4) verdeutlicht, was die Anforderung der Dichtesensitivität bedeutet: Der User bedient ein iPhone mit Fingern und durch Finger ausgeführte Gesten. Die App-Icons haben auf dem iPhone 3 eine Ausdehnung von 57*57px und damit eine physikalische Ausdehnung von knapp 9*9mm ohne Textzusatz.

Microsoft gibt empfiehlt auf “Designing for Direct Manipulation” ebenfalls 9 mm als Minimallänge für eine interaktive Fläche für Touchbedienung auf mobilen Geräten. Wenn ich mir meine Finger anschaue, glaube ich dies sofort. Auch die Studie “Target Size Study for One-Handed Thumb Use on Small Touchscreen Devices” kommt für das einhändige Bedienen mit dem Daumenzu einer ähnlichen Größenordnung. Dass man darüber hinaus mittels einiger Kniffe im Interaktionsdesign diese Grenze für bestimmte Interaktionen noch senken kann, zeigt das Beispiel der Virtuellen Tastatur des iPhones.

Wird die Auflösung des interaktiven Bildschirms linear verdoppelt, so schrumpft die physikalische Ausdehnung einer interaktiven Fläche auf ein Viertel. Was nicht schrumpft und nicht schrumpfen kann, ist der physikalische Finger des Users – ebenso wenig wie die physiologische Auflösung unseres Auges sich verändern kann. Der Effekt: die technische Präsentation entzieht sich diesen Begrenzungen unseres Körpers;  unser Auge kann einzelne Pixel nicht mehr erkennen; unsere Fingerkuppe kann Controls nicht mehr diskret und kontrolliert bedienen.

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Größendarstellung des Kamera-Icons des iPhone mit 57*57px bei unterschiedlichen Standards von Pixeldichten

Größendarstellung des Kamera-Icons des iPhone mit 57*57px bei unterschiedlichen Standards von Pixeldichten

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Nun, der User will einzelne Pixel  ja nicht unterscheiden – ganz im Gegenteil. Aber er will Bedienelemente auf der Benutzungsoberfläche des iPhones gezielt und fehlerfrei bedienen können.  Und damit er dies tun kann, müssen wir die physikalischen Ausdehnung  dieser Elemente (also Höhe x Breite in Millimetern auf dem Display)  und damit in ihrer Pixelausdehnung (Höhe x Breite in Pixeln) der Größe seines Fingers anpassen. Und dies in Relation zur jeweiligen Pixeldichte des Displays. Am Beispiel des oben gezeigten Kamera-Icons: Das Icon für ein iPhone 4 müsste 114*114px groß sein, damit es dieselbe physikalische Größe wie in einem iPhone 3 hat.

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Für eine tiefere Durchdringung der entstehenden Problematik für das Interaktionsdesign kann ich den mehrseitigen Artikel Auflösungsunabhängiges Icon Design von 2008 empfehlen. In diesem Artikel von Thomas Immich wird sich ausführlich mit der Dichtesensitivität sowie mit Lösungsansätzen befasst.

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aithalides

Colours & Cultures

Einige informationsdesignerische Gedanken zur vergleichenden Darstellung der Farbsymbolik in verschiedenen Kulturen.

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Symbolische Wirkung von Farben

In der visuellen Kommunikation spielen Farben eine wichtige Rolle. Dabei gibt es formale Aspekte wie Eigenhelligkeit der Farbe, Anteil der Farbfläche auf der Grundfläche, verschiedene Farbkontrast-Phänomene und noch mehr. Es gibt aber auch über den formalen Aspekt hinaus den Aspekt der Bedeutung von Farbe.

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Zum einen erhalten Farben Bedeutung durch eine konkrete Situation, durch den Kontext. Beispielsweise bedeutet das Rot auf einem Verkehrsschild: “Warnung!”. Das Rot des an dem Verkehrsschild befestigten Wahlplakates der SPD  stellt die “Corporate Color” dieser Partei dar. Und das Rot des an einem Haus in derselben Straße angebrachten Schildes “Eros 2000″ bedeutet das Versprechen von Sexualität. Dreimal Rot, drei verschiedene Bedeutungen.

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Die Bedeutung von Farben in spezifischen Situationen wird getragen von ihrer kulturellen Bedeutung. Die kulturelle Bedeutung einer Farbe ist das Fundament für die symbolische Interpretation durch den Wahrnehmenden in einer konkreten Situation.  Die kulturelle Bedeutung der Farbe verhält sich zu ihrer situativen Bedeutung wie das Phänomen Klima zu dem des Wetters: ersteres ist nicht unmittelbar erfahrbar, sondern bildet den Rahmen, in dem das aktuell Erfahrbare sich abspielt, nämlich die täglichen Wetterphänome. Hegelianisch gesprochen: die kulturelle Bedeutung ist in der einzelnen situativen Wahrnehmung aufgehoben.

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Selbstverständlich können Farben in unterschiedlichen Kulturen ganz verschiedene Bedeutungen kommunizieren. Und sehr oft sind diese Bedeutungen begründet in tradierter religiöser Symbolik, in historischen Produktionsweisen und sind Manifestationen von sozialen, ethnischen oder nationalen Unterschieden. Beispielsweise gründet das Rot auf den Wahlplakaten der SPD in der Geschichte der Arbeiterbewegung in der Mitte des 19. Jahrhunderts – und diese Symbolik wird grundsätzlich auch heute noch verstanden.

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Vergleichende Darstellung der Farbsymbolik mehrerer Kulturen

In diesem Artikel soll es aber nicht inhaltlich um Farben und ihre Bedeutungen in verschiedenen Kulturen gehen, sondern um die Art und Weise, wie diese vergleichend dargestellt werden können, also um eine Notation der Übersicht. Wir haben also folgende Faktoren, die miteinander in Beziehung stehen: der spezifische Kulturkreis, die spezifische Farbe, die spezifische Bedeutung. Dabei handelt es sich bei Farben und Bedeutungen um nicht-eindeutige Relationen: eine Farbe kann in einem Kulturkreis mehrere Bedeutungen haben.

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Wir legen mal eine kleine Auswahl der in dieser Farben und Bedeutung zuordnenden Tabelle hinterlegten symbolischen Bedeutungen zugrunde, deren Zustandekommen wir fürs Erste nicht hinterfragen. Und mit diesen Zuordnungen erstellen wir eine Matrix, bei der Farbe die sortierende Dimension ist:

Beispielhafter Ausschnitt aus einer Matrix zur Farbsymbolik, nach Farbe sortiert

Beispielhafter Ausschnitt aus einer Matrix zur Farbsymbolik in verschiedenen Kulturen, nach Farbe sortiert ...

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Solch eine Matrix fokussiert sich darauf, die unterschiedlichen Bedeutungen einer Farbe in den verschiedenen Kulturen zu vergleichen. Sind wir jedoch primär daran interessiert, für eine spezifische Bedeutung die zugehörigen Farben der verschiedenen Kulturen zu erfassen, so müssen wir die Matrix umbauen in eine solche, bei der nach symbolischer Bedeutung sortiert wird:

Matrix zur Farbsymbolik,nach Bedeutung sortiert

... und nach Bedeutung sortiert

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Diese orthogonale Darstellung wird üblicherweise als rechteckige Fläche mit einer festen linken und einer festen oberen Achse dargestellt.  Das macht sie prinzipiell erweiterbar … für neue Bedeutungen und weitere Kulturen. Man kann sie aber auch als abgeschlossen erklären und die Bedeutungs-Achse zu einer Kreisform zusammen “biegen”, mathematisch gesprochen: das orthogonale wird in ein Polarkoordinatensystem überführt. So entsteht eine Grafik wie die folgende:

Matrix

Kreisförmige Matrix zur Farbsymbolik in verschiedenen Kulturen. Mit freundlicher Genehmung © David McCandless aus seinem Buch "Information is beautiful".

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Diese Infografik habe ich gefunden auf der Website Information is beautiful von David McCandless, einem Informationsdesigner aus London. Seine Leidenschaft ist die Visualisierung von Informationen: Statistiken, Fakten, Fragen, …  möglichst ohne Worte. Und das gelingt ihm ausnehmend gut!  Seine Website mit seinen eigenen Grafiken und denen anderer Designer durchzustöbern, macht Spaß und ich blieb oft an einzelnen hängen und mir kam in den Sinn: “Ach, so ist das?!”. Diese Grafiken sind wie Überraschungseier: Sie bieten Nutzwert in der Information (utility), Verständlichkeit (ease of use) und Spaß (joy of use).

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Kurzer Exkurs für an Zeitreisen Interessierte

Ganz besonders angetan dürften ScienceFiction-Cineasten sein von der Visualisierung filmischer Zeitreisen in der Grafik Timelines. Die grafischen Zeitlinien, die Sprungpunkte in den Stories von Star Trek, Terminator, Zurück in die Zukunft  & Co und ihre Vergleichbarkeit auf engstem Raum verschafft einen völlig neuen Blick auf die Handlungen dieser Filme.

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Aber woher kommen die Zuordnung?

Zurück zum Vergleich der Farbsymbolik in den verschiedenen Kulturen. Auch dabei geht es David McCandless ja in erster Linie darum, Vergleichbarkeit zu schaffen. Und das gelingt ihm ja auch mit der Idee, diese Daten zu einem  Bedeutungskreis zu verdichten. Dahinter steht wohl die Absicht, schnell erkennen zu wollen, welcher Farben es in der internationalen Kommunikation bedarf, um bestimmte Konnotationen und Assoziationen auszulösen. Ob das so aufgeht, bedarf einer separaten Betrachtung hier im Blog.

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Und was die Validität die der Bedeutungskreis-Grafik zugrundeliegen Daten angeht? Wie qualifiziert sind die genannten Bedeutungen von Farben in den verschiedenen Kulturen. Woher und wie sicher wissen wir es? -  Nun ja, … auf den zweiten Blick scheinen mir diese zumindest hinterfragbar, wenn ich mir anschaue, welche Quellen wiederum hinter der Google Doc-Tabelle genannt werden … Aber auch das ist ein separates Thema, vielleicht ein Thema für eine Semesterarbeit an der Hochschule?

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Aithalides

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