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Das 80-Millionen-Dollar-Blau

by - 11. April 2010

Vor 3 Wochen fand ich in Spiegel Online einen kurzen Artikel „0044CC Microsoft findet das 80-Millionen-Dollar-Blau“ darüber, dass Microsoft für die Kennzeichnung der Links in den Suchergebnissen seiner Suchmaschine Bing verschiedene Blautöne testete. Dieses Blau sei in den Tests deutlich häufiger geklickt worden. Jetzt hoffe das Unternehmen auf zusätzliche Einnahmen in Millionenhöhe.

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Was kann man aus diesem Artikel lernen?

Nun, vor allem kann man aus dem genannten Artikel lernen: Wenn man einen ausführlichen und interessanten Vortrag mit vielen Erkenntnissen hält und man an einer einzigen Stelle diesen Vortrag mit einer Finanzzahl pointiert, so wird in den Medien nur noch diese eine Stelle wieder gegeben. Und zwar mit der Finanzzahl als wichtigstem Bestandteil der medialen Aufbereitung. Die an einer einzigen Stelle des Vortrages hochgerechneten möglichen Werbeeinnahmen, die durch das Mehr an Klicks entstehen könnten, macht aus einer Erkenntnis eine Nachricht! Und ich vermute stark: dieser Begriff des 80-Millionen-Dollar-Blau ist letztlich das, was in den Köpfen der Leserschaft hängen bleibt, wenn überhaupt irgend etwas von diesem Artikel erinnert wird.

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Der Vortrag

Was ist passiert? Microsoft hielt diese Woche eine Konferenz für Webdesigner und Webentwickler in Las Vergas ab: die MIX10. Auf dieser Konferenz sprach unter anderem Paul Ray, seit mehreren Jahren User Experience Manager für Microsofts Suchmaschine Bing. In seinem Vortrag „Heart and Science“ spricht Paul Ray über viele interessante Dinge, die mit dem Design von Suchmaschinenergebnissen zu tun haben. Er schildert Fragestellungen, Untersuchungsmethoden und deren Ergebnisse. Er spricht über Fragen wie z.B. „Wo werden die Filterkategorien am besten positioniert?“, „Welchen Effekt hat das Foto auf der Bing-Startseite auf die Nutzer?“, „Was passiert, wenn der Hintergrund wegfällt, der die Ad-Ergebnisse von den anderen Suchergebnissen trennt?“ oder: „Wenn wir dem User direkte Antworten im Suchergebniss geben – soll sich dieses visuell von den anderen Suchergebnissen unterscheiden?“

Ich finde in seinem Vortrag viele designerische und funktionale Überlegungen wieder, die mir in den letzten Jahren bei der Beschäftigung mit Suchmaschinen begegnet sind oder die ich im Kreise mit Kollegen angerissen, überlegt, skizziert und ausgescreent hatte. Manche der von uns ins Auge gefassten Maßnahmen kamen mir abwegig / schlüssig / überzeugend oder auch genial vor – aber immer wieder tauchte schnell die Frage auf: wie werden die Benutzer auf diese Maßnahmen reagieren? Genauer: wie reagieren sie in der statistischen Verteilung auf die Maßnahmen?

Und so finde ich es ausserordentlich erkenntnisreich, wenn Paul Ray aus dem Bing-Team klare und aktuelle Ergebnisse zur Userakzeptanz von gestalterischen Varianten einer Suche formuliert und sichtbar macht. Auch wenn er die Erkenntnis zur Wahl der Linkfarbe überbetont, indem er im Vortrag (übrigens bei 19:27 im Video) circa eine halbe Minute erklärt, dass die allein durch den Mehreffekt dieses Blaus erzielbaren Mehreinnahmen bei 80 bis 100 Mio Dollar geschätzt wurden. Dies ist auch auf der Folie verschriftlicht: „This blue is worth at least $80 million dollars“. Tja, da war er nun an die Wand geworfen, der Brocken für die Medien, in dessen Folge alle anderen Botschaften von Paul Ray nicht mehr wahr genommen werden sollten … siehe diesen Screenshot:

Paul Ray und das 80-Millionen-Dollar-Blau - Entwicklerkonferenz MIX1

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Microsofts Suche und die Farbe Blau

Paul Ray referierte über die Untersuchungen in einem Zeitraum, als der Nachfolger von Microsofts Live Search konzipiert wurde, also aus den Jahren 2006 bis 2008. Der Nachfolger, der seit seinem Going Live im Sommer 2009 BING heisst, hatte von Anfang das gegenüber dem Vorgänger dunklere und farbintensivere Blau als Auszeichnungsfarbe. Insofern ist die im SPON-Artikel getroffene Aussage nicht richtig, das Unternehmen hoffe durch das gefundene Blau „jetzt … auf zusätzliche Einahmen in Millionenhöhe“. WENN es die vom Bing-Team geschätzten Mehreinnahmen gibt, so fließen sie schon seit etlichen Monaten!

Ich möchte nun lieber die der Nachricht zugrunde liegende Faktenlage betrachten: Wenn ich ein heutiges Linkergebnis von BING in Photoshop bezüglich der Farbe analysiere, so erhalte ich den Blauton RGB 0,51,204. In Hexwerten ausgedrückt: #0033CC.

Messung der Farbauszeichnung in PhotoShop: Blau #0033CC, nicht wie medial verbreitet #0044CC

Messung der Linkauszeichnung in PhotoShop: Blau ist #0033CC, nicht das in den Medien genannte #0044CC

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Im der Suchergebnisseite zugehörigen CSS ist diese Farbe genauso definiert [siehe diesen Screenshot]:

Stylesheet bestätigt die Farbmessung: das Blau soll #0033CC sein!

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Paul Ray selbst zeigt aber eine etwas andere Farbdefinition im Video (bei 20:47), nämlich das von der Presse aufgegriffene Blau #0044CC. Nun, ein kurzer Vergleich auf meinem Monitor in PhotoShop zeigt mir keinen wahrnehmbaren Unterschied zwischen den beiden Farben #0033CC und #0044CC [auch hierzu ein Screenshot aus PhotoShop] – eigenartigerweise, da der rechnerische Unterschied zwischen den beiden Farben immerhin 17 Einheiten im Grünkanal beträgt!

Am Monitor auch in PhotoShop nicht unterscheidbar: #0044CC und #0033CC

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Egal, ob bing nun 0033CC oder 0044CC verwendet werden soll – der Unterschied zur bei LiveSearch verwendetem Blau ist deutlich: Dieses ist weitaus deutlicher entsättigt und positioniert sich Richtung Cyan [auch hierzu ein Screenshot]. In PhotoShop messe ich, dass die Farbe #0066A7 = RGB 0/102/167 verwendet wurde. Paul Ray präsentiert dieses Blau als eine Auszeichnungsfarbe, die nach den Untersuchungen des Teams eher beiläufig vom User aufgenommen wird: „Hey … here are results. It lacked confidence.“ Mmmh, gibt es einen Zusammenhang zwischen Farbintensität und Vertrauenswürdigkeit / Überzeugungsfähigkeit? Zumindest wenn Farbe kleinflächig wie im vorliegenden Fall von Textauszeichnung angewandt wird?

Farbe der Linkauszeichnung in Live Search von 2008: Hexwert 0066A7

Farbe der Linkauszeichnung in Live Search von 2008: Hexwert 0066A7

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Die Farbe Blau und die mediale Reflexion darüber

Nun, solche Fragen wurden nicht im medialen Diskurs aufgeworfen und werden es auch in Zukunft nicht. Und Differenzierung der Aussagen findet nicht statt, sondern Vereinfachung und Verflachung. Das Gute daran aber ist: so hat es der User Experience Manager Paul Ray immerhin überhaupt in SPON geschafft und ich habe seinen Vortrag gefunden. Und das wiederum finde ich gut!

Aithalides

From → Allgemein

2 Kommentare
  1. Meiner Vorstellungskraft entziehen sich solche unbewusste Vorgehensweise und Klickzahlen der User. Ich selbst betreibe einen Blog und bemühe mich dem User einen interessanten Artikel zu bieten, in denen ich News und Facts aus meiner Perspektive präsentierte. Hier spielt SEO eine untergeordnete Rolle, auch wenn selbst ich gelernt habe das Struktur, Layout, Design und Keywords sich positiv auf mein Ranking auswirken. Was letztendlich einen User auf eine Seite bringt, ist Folgenden: tolle und lesenswerte Artikel zu topaktuellen, interessanten Themen.

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