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iPhone 4 und das Wettrüsten der Pixeldichten

by - 8. Juni 2010

Die Pixeldichten von mobilen Geräten nehmen schnell und sprunghaft zu. Was bedeutet diese Hardware-Entwicklung für das Interface Design dieser Geräte?

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326 ppi! Chapeau!

So! Nun ist es durch „His i-ness“ Steve Jobs selbst bestätigt: das neue iPhone 4 hat eine Auflösung von 960*640 px! Und das auf einer physikalischen Fläche von lediglich (von mir handgemessenen) 76 *51mm.

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Aber hallo!!! Diese Pixeldichte ist eine Ansage für ein Endconsumer-Gerät: Die Menge an Bildinformation eines gängigen Netbook-Displays wird auf mein iPhone-Display gepackt. Apple übertrumpft selbst die gewieftesten Fischhändler Hamburgs: „Wir bieten mehr Information auf der selben Fläche als bisher: Nicht 20 Prozent mehr, nicht 50 und nicht 100!! Auch 200 Prozent sind uns nicht genug! Ganze 400 Prozent mehr Information kommt auf unser neues iPhone.“

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Rein rechnerisch komme ich zwar nicht ganz auf die im Datenblatt angegebenen 326 px pro Zoll, aber dies liegt wahrscheinlich in der ungenauen Messung mit meinem Geodreieck begründet. Es gibt für mich keinen Grund, an den technischen Informationen von Apple zu zweifeln.

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Abbildungsqualität und Pixeldichte

Was leistete das iPhone bisher in Sachen Abbildungsqualität? Mein aktuelles 3GS verfügt über eine Auflösung von 480*320 px und hatte damit eine bereits beachtliche Pixeldichte von 163 ppi (pixel per inch): Die gerundeten Ecken der App-Icons erscheinen ziemlich sauber, ich muss schon messerscharf hinschauen, um die Pixelabtreppung zu erkennen. Die Schriften im Safari-Browser sind  präzise und gut geglättet; Ungenauigkeiten von Schrifttypen und verschwommene Glyphen sind nur durch punktgenaue Betrachtung erkennbar. Nur der Blick durch den Fadenzähler enthüllt den zugelaufenen Binnenraum beim „e“, ohne Vergrößerung kann mein Auge diese typografische Unzulänglichkeit nicht auflösen.

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Details von Typo und Icon des Buttons Sprachmemos auf iPhone 3

Details von Typo und Icon des Buttons Sprachmemos auf iPhone 3. Gut erkennbar in dreifacher Vergößerung ist das zugelaufene "e" sowie die Kantenglättung der Iconkontur.

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Das HTC HD2 verfügt über eine Auflösung von 217 ppi, das Google Nexus One hat eine Auflösung von 252 ppi. Und jetzt toppt Apple dies mit einer einer Auflösung von 326 dpi. Zum Vergleich:  Ich habe jüngere Kollegen erlebt, die ihr Notebook mit 15,4-Zoll Display mit der gewaltigen nativen Auflösung von 1920*1600 px betrieben und mit der daraus resultierenden Kleinheit von Schriften und Icons bei einer resultierenden Pixeldichte von ca. 136 ppi ihre Schwierigkeiten beim Arbeiten hatten.

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Trend: Immer höhere Pixeldichte

Nunmehr verdoppelt Apple die bisher verwendete  lineare Anzahl der Pixel beim iPhone, vervierfacht also die technisch mögliche Bildinformation in der vorhandenen Fläche beim iPhone 4. Offenbar stürmen bei Smartphone et al. die Pixeldichten gen Himmel während sie bei den Notebook & Co. immer noch in den gewohnten Bereichen bleiben: zwar nicht mehr bei den gemächlichen 72 ppi meines zwölf Jahre alten 21-Zöllers für den G4, aber immer noch in der Nähe der 96 dpi meines ersten Windows-Notebooks von 2003.

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Was bedeutet diese Entwicklung für’s Design?

Zum ersten:

Positives, meine ich! Die hardware-technische Grundlage für präzise und saubere grafische Darstellung auf Smartphones ist nunmehr vorhanden.  Scharfe und detailreiche Fotodarstellungen,  gut geglättete und dennoch scharfe Rundungen von Illustrationen, gleichmäßige Abstände von Glyphen in Mengentexten – all das ist  hardwareseitig offenbar mittlerweile möglich und wird Standard werden im Smartphone-Segment.

Was uns bevorsteht, ist also eine technische Abbildungsqualität wie im Print-Bereich: Die Raster-Struktur der Pixel bleibt künftig unterhalb der Auflösungsgrenze unseres Auges so wie das 60er-Raster des Offset-Druckes für den Leser nicht wahrnehmbar ist.

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Zum zweiten:

Diese Hardware-Entwicklung bedeutet Arbeit für Designer! Wenn die Displays Voraussetzungen für gute Typografie und knackige Illustrationen bieten, gibt es keine Ausrede mehr für zugelaufene Binnenräume bei Buchstaben, ungleichmäßige Spationierung, verschwommene Rundungen!

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Zum dritten:

Interface Designer werden auflösungsunabhängig entwerfen müssen. Vielleicht heißt die Anforderung besser: „dichtesensitiv“. Im angelsächischem Techno-Sprech lautet der entsprechende Begriff „dpi-aware“. Und dies meint: das System muss für unterschiedliche Pixeldichten des Displays und damit unterschiedliche physikalische Abmessungen verschiedene Größen derselben Bedienelemente präsentieren können.

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Interaktive Flächen auf Touch Screens

Eine Überlegung anhand der aktuellen Verdopplung der linearen Pixeldichte von 163 ppi (iPhone 3) auf 326 ppi (iPhone 4) verdeutlicht, was die Anforderung der Dichtesensitivität bedeutet: Der User bedient ein iPhone mit Fingern und durch Finger ausgeführte Gesten. Die App-Icons haben auf dem iPhone 3 eine Ausdehnung von 57*57px und damit eine physikalische Ausdehnung von knapp 9*9mm ohne Textzusatz.

Microsoft gibt empfiehlt auf „Designing for Direct Manipulation“ ebenfalls 9 mm als Minimallänge für eine interaktive Fläche für Touchbedienung auf mobilen Geräten. Wenn ich mir meine Finger anschaue, glaube ich dies sofort. Auch die Studie „Target Size Study for One-Handed Thumb Use on Small Touchscreen Devices“ kommt für das einhändige Bedienen mit dem Daumenzu einer ähnlichen Größenordnung. Dass man darüber hinaus mittels einiger Kniffe im Interaktionsdesign diese Grenze für bestimmte Interaktionen noch senken kann, zeigt das Beispiel der Virtuellen Tastatur des iPhones.

Wird die Auflösung des interaktiven Bildschirms linear verdoppelt, so schrumpft die physikalische Ausdehnung einer interaktiven Fläche auf ein Viertel. Was nicht schrumpft und nicht schrumpfen kann, ist der physikalische Finger des Users – ebenso wenig wie die physiologische Auflösung unseres Auges sich verändern kann. Der Effekt: die technische Präsentation entzieht sich diesen Begrenzungen unseres Körpers;  unser Auge kann einzelne Pixel nicht mehr erkennen; unsere Fingerkuppe kann Controls nicht mehr diskret und kontrolliert bedienen.

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Größendarstellung des Kamera-Icons des iPhone mit 57*57px bei unterschiedlichen Standards von Pixeldichten

Größendarstellung des Kamera-Icons des iPhone mit 57*57px bei unterschiedlichen Standards von Pixeldichten

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Nun, der User will einzelne Pixel  ja nicht unterscheiden – ganz im Gegenteil. Aber er will Bedienelemente auf der Benutzungsoberfläche des iPhones gezielt und fehlerfrei bedienen können.  Und damit er dies tun kann, müssen wir die physikalischen Ausdehnung  dieser Elemente (also Höhe x Breite in Millimetern auf dem Display)  und damit in ihrer Pixelausdehnung (Höhe x Breite in Pixeln) der Größe seines Fingers anpassen. Und dies in Relation zur jeweiligen Pixeldichte des Displays. Am Beispiel des oben gezeigten Kamera-Icons: Das Icon für ein iPhone 4 müsste 114*114px groß sein, damit es dieselbe physikalische Größe wie in einem iPhone 3 hat.

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Für eine tiefere Durchdringung der entstehenden Problematik für das Interaktionsdesign kann ich den mehrseitigen Artikel Auflösungsunabhängiges Icon Design von 2008 empfehlen. In diesem Artikel von Thomas Immich wird sich ausführlich mit der Dichtesensitivität sowie mit Lösungsansätzen befasst.

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aithalides

From → Allgemein

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